Interview mit Wurstschranz alias Wu-Schranz

Na, schon hungrig?

Ihr habt als Gruppe mit eurer Tonkunst die Musikwelt Mitte bis Ende der 2000er kräftig durchgerüttelt. Manch’ ein Musikjournalist bekam direkt bei euren ersten Songs kalte Füße, weil ihr einem Fiebertraum gleicht und weder als Personen noch als musikalische Einheit zu fassen wart. Beschreib’ doch einmal retrospektiv, wie die damalige Zeit für euch als Protagonisten gewesen ist. Was machte damals die Essenz des Wurstschranz aus?

King Kassler: Wu-Schranz existierte zunächst als reines Spaßprojekt (Hör’ gefälligst auf, zu lachen!). Tatsächlich gehörte ich nicht zu den Initiatoren des Ganzen, sondern Zwackelmann und Fred (ich weiß schon gar nicht mehr, wie sein richtiger Name war). Jedenfalls unterschied sich deren Auffassung doch sehr von unserer, wie ich im Nachhinein sagen muß. Also fanden sich der Curry König, King Kassler (also ich), Mett Dämon (damals noch The Incredible Vegiterrible) und der Kutze zusammen, um einen heute legendären „Lost Track“ aufzunehmen. Vermutlich ist dieser mittlerweile bei „WOM“ in Köln (atomisieren!) gelandet. Die Marschrichtung war von Anfang an eine andere, allerdings, und das ist enorm wichtig für das Grundverständnis des Wurstschranz, ohne vorher etwas am Reißbrett entworfen zu haben. Die Hakenwurst formte sich gewissermaßen aus dem Unterbewußtsein.

Curry König: Fred hörte in Wirklichkeit auf den Namen Fred. Komisch, oder? Die Essenz des Wurstschranz kann man nicht erklären. Aber man kann sie hören und schmecken.

King Kassler: Das größte Faszinosum für mich war, wie organisch, fettig und fleischig unser Schaffen klang, im Gegensatz zu unseren „Genrekollegen“, deren Sound eher nach verbranntem Plastik roch, was auch nicht schlecht ist, aber eben nur halb so gut schmeckt.

Curry König: Ein voller Bauch quatscht nicht gerne. Also beeil dich mal mit deinem Interviewgedöns hier. Mir knurrt schon wieder die Wampe…

Der damalige „Trend-Techno-Schranz“ ist ja mittlerweile von Dubstep und anderen Richtungen der elektronischen Musik überholt worden und das Wort „Schranz“ ist für viele damalige Szenegänger nur noch ein Relikt unserer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft. Wann hat die Wurst für dich das Verfallsdatum überschritten?

King Kassler: Nun, wie alle Dinge des Lebens geht auch die Wurst in den Arsch… Es wäre, meiner bescheidenen Ansicht nach, notwendig gewesen, das Ende des Verdauungszyklus (der den kosmischen Zyklus des Werden und Vergehen, wie ihn Oswald Metzger in „der Untergang der Wurstfabrik“ wunderbar in Worte zu fassen vermochte) in Stein bzw. gehärteten Kot zu meißeln…An Gedanken und Konzepten mangelte es ja nie im Wurstkreis, die meisten waren nur zu bekifft und zu faul, ihre Sülzköpfe aus dem Arsch zu bekommen. Ich hätte gerne gesehen, wie „Kot für die Welt“, „Der Kotmacher“ oder „Dantons Kot“ das Licht der Welt erblickt hätten, nachdem sie sich aus dem Anus gequält haben würden.

Curry König: Wobei es ja auch immer wichtig ist, zu sehen, wer am Ende der Nahrungskette steht. Für den Song „Der Kotmacher“ hatte ich ja auch schon die Samples rausgesucht. Zum Teil sollte das Werk auf dem surrealistischen Fleischmeisterwerk „Ein andalusisches Kotelett“ aufbauen und die Thematik dementsprechend verwursten…

Vom „Schranz“ war in euren Songs ja weniger zu hören. Die Presse schrieb damals von „Apocalyptic-Sausage-Armageddon“. Man hört bei euch auch eher Industrial, Ritual, Ambient, Martial und sogar Black Metal Anleihen mit einer kleinen Prise Grindcore heraus. Wie kamt ihr dazu, den Schranz, der keiner war, in die Wurst zu packen?

King Kassler: Das war nicht die Presse, das warst du, du Kunde! Niemand hätte uns die Hand gegeben, mit unseren Fettfingern. Man kann auch so schmierig sein, daß es schon wieder elitär ist, nicht war? Das ist Dialektik, junger Padawan. Aber es ist schon richtig, wir waren ziemlich weit entfernt von der typischen Elektrogrütze, bei uns konnte man noch ganz andere Dinge aus der Sülze pulen. Das, eher subtile, Apollinische Element war im Ambient und Martial repräsentiert, während Schwarzmetall und Grind eher das Dionysische betonten.

Curry König: Dazu verweigere ich jegliche Antwort. Selbstbeweihräucherung liegt mir fern, da räuchere ich lieber ʹne gute Salami, um sie haltbar zu machen. Ich hab’ außerdem gar keine Zeit für sowas…das Fett brennt…

Berichten aus eurem Umfeld zufolge seid ihr ja an die Musik immer sehr spirituell herangetreten. Es heißt, es gab kaum eine Aufnahmesession ohne frisch geschmierte Brote und holländische Frikandeln direkt aus der Friteuse. Braucht es einen gewissen Pegel, um den Geist des Fleisches in die Welt hinauszutragen? Habt ihr vor dem Aufnehmen wirklich bis zu 14 Tage am Stück gefastet, um dann im Studio in einen berserkergleichen Wurstrausch zu verfallen?

King Kassler: Fasten, wie bist du denn drauf?! Wir sind schließlich keine behinderten religiösen Spackos, die ihre Hungerkur damit rechtfertigen, obwohl ihre Vorväter schlicht zu blöd zum Jagen waren. Nein, nein, der Gott des Fleisches, der ein Deus absconditus ist, ist ein Gott des Rausches und Exzesses. Er hat nichts übrig für demütige Hungerhaken, die aussehen wie Laiendarsteller aus einem KZ Film. Was er verlangt, ist die Verbindung zu ihm durch regelmäßigen Fleischverzehr aufrecht zu erhalten, im Ritual dem Exzeß zu frönen, ohne am Ende zu einer überfetteten Mettwurst zu degenerieren. Ein Drahtseilakt, ohne Zweifel…

Curry König: Ein gewisser Pegel muß schon erreicht werden da hast du ganz recht…kauen und schlucken soll auch wichtig sein…nicht unbedingt in der Reihenfolge.

King Kassler: Der Schweinefleischpegel muß natürlich stimmen, das ist wahr. Und welcher Asi behauptet eigentlich, zu unserem Umfeld zu gehören? Dem werde ich eine Lyonerwurst in die Augenhöhlen stopfen!

Nach eurem Erfolg auf den Tanzflächen und an den Fleischtheken der Republik sind ja zahlreiche Nachahmer wie Pilze aus dem Humus eures Treibens geschossen. Wie steht ihr heute zu Bands wie „Fleisch Gordon“?

King Kassler: Die genannte Truppe kenne ich nicht, kann also nichts dazu sagen. Nachahmer wüsste ich auch keine, da habe ich mich nicht mit befaßt. Allein, wie weiter unten erläutert, stehen wir keiner Form der Wursthuldigung feindlich gegenüber, das wäre unsinnige Haarspalterei. So etwas überlassen wir Leuten, die inkonsequenterweise kein Fleisch, jedoch Fisch konsumieren und sich darüber mit irgendwelchen Vertretern einer reinen Lehre in den Haaren liegen, die dies ablehnen, aber weiter pestizidverseuchtes Gemüse aus den Landwirtschaftsbetrieben knabbern. Das ist so ein Abfallprodukt des Rousseauistischen Nativismus, recht langweilig, möchte man meinen.

Curry König: Alles nur eine Kopie einer Kopie einer Kopie. „Fleisch Gordon“ kenne ich jetzt auch nur vom Hörensagen. Jegliche Verbündete im Kreuzzug gegen vegane Untriebe müßten uns eigentlich recht sein. Aber keine der „Copycats“ war auch nur im Ansatz so radikal wie wir und keiner von ihnen hat es geschafft, ihre Aussagen in der Realität so konsequent umzusetzen wie wir es seit jeher getan haben. Wir brauchen diese Leute nicht! Keiner braucht sie! Wenn ich einen von denen auf der Straße träfe, dann würde ich sie abschlachten und etwas pökeliges aus ihnen machen. So einfach ist das.

Bösen Gerüchten zufolge ist tatsächlich eines eurer Mitglieder nach einem Fressgelage mit Mettwurst und Kassler für acht Stunden in ein Koma gefallen und hat anschließend dem Wurstschranz den Rücken gekehrt und ist Vegetarier geworden. Einem anderem soll heute eine Metzgerei in Polen gehören, wo so ziemlich alles verwurstet werden darf, ohne daß das deutsche Frischfleischamt das Kotzen kriegt. Stimmt das alles? Oder sind das nur Gerüchte, mit denen zahlreiche enttäuschte Fans versuchen, sich euer Untertauchen zu erklären?

King Kassler: Tja, wenn der Internet dat sacht… Wir haben tatsächlich einen Apostaten in unseren Reihen. Aber so was bleibt innerhalb unserer Zirkel, Wurstschranz stand nie für Aufmerksamkeitshascherei.

Curry König: Wer ist eigentlich dieser Internet, von dem immer alle reden? Muß ein ziemlich wichtiger Kerl sein. Die Metzgerei in Polen ist übrigens mein Steckenpferd. Ich habe Anfangs versucht, das ganze als eine Art fleischiges Disneyland aufzuziehen. Quasi so eine „Hostel-Folterbude“, wo verweichlichte Städter ihren inneren Barbaren kennenlernen durften. Wir hatten vor, die Leute ihr Fleisch selber jagen und zerteilen zu lassen. Nachdem aber ein Japaner von einem Känguru auf eine Art und Weise getötet wurde, auf die ich hier im Rahmen des Jugendschutzes nicht näher eingehen darf, haben ich und mein polnisches Schattenkabinett uns dazu entschieden, erstmal kürzer zu treten und nur noch ganz „normal“ zu metzgern…

Was hat es mit der berühmten Textzeile „Gammelfleischtheke mit zwei Beinen…“ auf sich? Ist damit die Gammelfleischtheke gemeint, die auf nur zwei Beinen steht und, wie unsere Gesamtgesellschaft, ihre geistige Mitte und ihren Schwerpunkt verloren hat? Oder sind damit zwei Beine gemeint, die ebenfalls, neben dem Angebot zum Verkauf auf der Theke, dargereicht werden?

King Kassler: Wie immer hörst du nicht zu, es heißt nämlich „mit drei Beinen“, womit deine Frage komplett für den Resteeimer ist. Wie dem auch sei… Eine zweibeinige Gammelfleischtheke hätte, bei entsprechender Stärke der Stützen, eine Stabilität aufzuweisen, da sie eine bipolare Ordnung darstellte. Ein drittes Bein wäre überflüssig und hier zeigt sich, daß deine Intuition wenigstens in die richtige Richtung geht. Das dritte Bein ist der Mensch, der, anstatt einfach das Fleisch zu empfangen, die Distanz eines gelegentlichen „nein“ zu ertragen und zu essen, was auf den Tisch kommt, selbst zum „Bein“ werden will. Da er sich oder das Fleisch jedoch nicht selbst geschaffen hat, verdunkelt er den Grund, auf dem er zuallererst entstanden und auf dem Huldigung überhaupt möglich ist. Man könnte eine Analogie zur Platonischen Metaphysik ziehen, in welcher sich, ohne sich dessen bewußt zu sein, innerhalb der Idea der Versuch einer Selbstschöpfung vollzieht. Man sieht, ich neige eher der Wurstorthodoxie zu…

Curry König: Kassler hat recht. Es waren definitiv drei Beine. Wobei ich denke, daß man Platon jetzt nicht überbewerten darf. Der alte Griechensohn hat auch nur mit Kohle gegrillt…

Wäre der Kannibalismus für euch einem veganen Lebensweg vorzuziehen?

King Kassler: Hm, du berührst hier tatsächlich eine Grenzfrage, der sich auch die Fleischfraktion nicht völlig entziehen kann. Ich habe noch nie Mensch gegessen, bin aber sicher, daß es auch hier unterschiedliche Geschmacksrichtungen gibt, die mit der jeweiligen Ernährungsweise der Völker zusammenhängen. Nichts, was sich nicht mit Salz und Pfeffer aufpeppen ließe…

Curry König: Asiaten beschreiben ja immer, daß, wenn sie nach Europa reisen, alle Menschen um sie herum sehr nach verdorbener Milch röchen. Dementsprechend würde ich ungern einen Mitteleuropäer verspeisen. Das rauchig-würzige Aroma eines Inders würde mir wohl eher zusagen. Wobei ich mich frage, wonach wohl ein amerikanischer Ureinwohner schmeckt?

Es hat ja von euch nie die angekündigte Liveperformance in Duisburg gegeben, über die in eurer Fanbase monatelang hart spekuliert wurde. Woran lag es? Hatten die Veranstalter Angst? Oder ist euer Konzept von Leben, Tod und fleischhaltiger Ernährung zu harter Tobak, um ihn angemessen auf eine Bühne zu bringen?

King Kassler: Tja, warum das nie zustande gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Es wurde uns ja angeboten, ich selber hatte die Idee, auf dicken Frauen auf die Bühne zu reiten und während der Darbietung Tiere zu schlachten, um das gebratene Fleisch den Zuschauern darzubieten (keine Angst, Gewürze wären auch dazu gekommen). Die Ansprechpartner waren wohl junge Menschen, die dieses, wohlgemerkt, christliche, Jugendzentrum betreuten. Über ihre Christlichkeit würde ich allerdings kein allzu großes Aufheben machen, da diese Leute, glaube ich, mehr damit beschäftigt waren, sich während der Tummelferien gegenseitig das Stammhirn aus dem Schädel zu ficken, nachdem sie ihre mongoloiden Schützlinge zu Bett geschickt hatten. An der Furcht, anstößig zu sein, kann es daher wohl nicht gelegen haben.

Curry König: Don´t hate the Tummelferien! Das Christentum propagiert ja, daß man „die andere Wange“ hinhalten sollte. Dementsprechend hätte es bei einer Live Performance akustische Schellen gehagelt, bis der Dorfpfaffe kotzt. Ich glaube nicht, daß man uns in diesem Umfeld zu würdigen gewusst hätte.

Eure Gegner brachten ja immer (größtenteils unter einer Flut von ausgespuckten Getreidepartikeln) Vorwürfe hervor, was eure politische Gesinnung angeht. Die radikalen Linken hassten euch wegen der vehementen Beschimpfungen von Kultfiguren wie Rio Reiser. Die Rechtsradikalen fanden eure Musik entartet und widerlich. Wo liegt jetzt die Wahrheit und würdet ihr euch an einem „Grillen gegen Rechts“ beteiligen?

King Kassler: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ gilt eben auch umgekehrt. Ich hätte ja nicht gedacht, daß sich jemand so genau anhört, was wir da gegrölt haben, hehe. Aber offensichtlich ist niemand sicher vor der hermeneutischen Gesinnungsschnüffelei politischer Spurenelemente.

„Widerlich und entartet“; sicher, genauso widerlich wie Aschehaufen in Auschwitz-Birkenau aufzufegen. Und „Grillen gegen Rechts“ gehört in die selbe Kategorie wie „Earth Day“ Bürgerveranstaltungen, auf denen „Folkbands“ falsch lächelnd Klänge darbieten, die keiner der Anwesenden versteht. Wahrscheinlich gäbe es da eh’ nur Tofu-„Fleisch“, um nur ja niemanden zu diskdhrjh, zu diskrieejddjkf,… zu verletzen. Außer Pflanzen. Diejenigen, die an dergleichen teilnehmen, wissen wahrscheinlich nicht mal, wie man NPD buchstabiert. Ich bin kein Utilitarist; mein Fleisch, und unser Fleisch, gehören dem Mettgott und sollten nicht dazu dienen, irgendwelche weltlichen Partikulärziele zu verwirklichen. Im Ernst, das hat was von öffentlicher Masturbation.

Curry König: Ich scheiß drauf, was die zu sagen haben! Linke und Rechte…pft! Das sind eh alles Untermenschen. Ab in den Gulag mit euch Politikfotzen!

Songtitel wie „Das Ende des verrückten Russen“, „Mein martialisches Murmeltier“ und „Alpträume in der Wurstgrotte“ luden ja von Anfang an zu wilden Spekulationen ein. Es sind sogar zwei Doktorarbeiten geschrieben worden, welche sich mit dem Wurstschranz im Wandel der Zeit beschäftigen. Habt ihr immer viel Wert auf kontroverse Thematiken und Texte gelegt oder stand bei euch die Wurst im Vordergrund?

King Kassler: Richtig müsste es heißen „mein monumentales Murmeltier“ bzw. „mein martialischer Mantel“ sowie „Mein monolithischer Mittelfinger“. Hierzu gehe er auf die nach wie vor existente „myspace“-Seite, Unwürdiger! Die beiden Veröffentlichungen, auf die du anspielst, sind wohl die Monographien „Fleisch und Fanatismus. Wurstkult in der Couterculture“ von Liliane-Maja von Hirschhausen sowie „All you can eat. Konsumkultur in der Überflußgesellschaft als Form religiösen Wandels“ von Torben-Malte Santiago-Schmidtborn. Tja, was soll man dazu sagen? Die eine Arbeit verortet uns im Subkultursumpf, die andere enthält dagegen durchaus ein Körnchen Wahrheit, jedoch wird der Gehalt dessen, was Wurstschranz auszudrücken versucht, durch eine allzu soziologische Lesart des Religiösen überzeichnet. Das gilt aber ganz allgemein für die Auffassung von Religion heutzutage. Der Glaube ist kein Zuliefererbetrieb, Gott kann auch „nein“ sagen. Die letzte Frage bezieht sich auf das Thema „Provokation und Kunst“, nehme ich mal an. Dahinter steht die infame Unterstellung, wir hätten einfach sinnlos irgendwelche Triggerbegriffe aneinandergereiht, um auf uns aufmerksam zu machen, obwohl es bei uns nur ums fressen gegangen wäre. Bei von Hirschhausen klingt dieser Gedanke an, sie verfolgt ihn aber nicht weiter, um nicht auf das aufmerksam zu werden, was ihre „Counterculture“ eigentlich ist: unwürdiger, staatsalimentierter Hipster-Emo-Großstadt-Bohemien-aus-Berlin-Abschaum! So etwas kann auch nur aus der Hauptstadt kommen…

Curry König: Wer schreibt denn über uns? Kennt der uns? Hat der jemals sein Wurstbrot mit uns geteilt?

King Kassler: Nein.

Curry König: Wusste ich’s doch…

King Kassler: Wir sind weder Konsumkritiker noch verherrlichen wir ihn, „Konsum“ ist noch nicht einmal das richtige Wort für das, was wir machen. Nur, weil etwas oft auftaucht, ist es noch lange nicht „Konsum“ oder gar „Masse“. Vielleicht haben wir noch zu viele Zugeständnisse an gängige Hörgewohnheiten gemacht, auch in Bezug auf die Sprache, die wir sprechen. Ich sehe, das Potential ist nicht annähernd ausgeschöpft worden, was u.a. zu den oben aufgezeigten Verwirrungen geführt hat.

Curry König: Liliane-Maja heißt die? Echt?

King Kassler: Echt…

Curry König: Alter…

Eure Veröffentlichungspolitik war von Anfang an extrem elitär. Die CDs kursierten nur in ausgewählten Kreisen und man munkelt von einer Sammelbox aus Eichenholz mit einem beigelegten Ring Fleischwurst mit extra Knoblauch. Habt ihr euch diese Boxen gegenseitig überreicht oder kursieren diese Einzelstücke noch? Bei Ebay oder Discogs wurde bisher meinem Wissen nach noch keine angeboten.

King Kassler: Das wichtigste an unseren Veröffentlichungen war, daß sie in Fleisch bezahlt wurden und für diese Nasen von Egay, etc. zählt ja nur der schnöde Mammon. In jedem Falle muß ich für uns konstatieren, daß, was Veröffentlichungen angeht, wir ernst gemacht haben mit der Floskel „order your copy, before…“ ja, bevor der irreversible Verfall sich ihr bemächtigt hat. Das hatte auch ein Memento Mori Moment, welches ebenfalls immer sehr wichtig war. Unsere Verbindung zum allumfassenden Fleischgott ist stets fragil und duldet keinen Aufschub.

Curry König: Was? Ich hab grad’ nicht zugehört…hier brutzelt gerade der fettige Wanst in der Pfanne!

Was haltet ihr von Seiten wie der Schimmelcam, wo man Wurst und Brot fröhlich beim vergammeln zuschauen kann? Sakrileg oder „The Circle of Life”?

King Kassler: Hm, interessante Frage. Ambivalent ist es insofern, als daß es sich um unnötige Verschwendung handelt, das ist sicher nicht unbegründet. Ich habe es in der vorhergehenden Antwort ja schon angedeutet, daß sich dem eigenen Verfall gewahr zu werden ein wichtiges Moment im Wurstschranz ist. Wahrscheinlich kam das aber auch nicht richtig rüber und es haben wohl alle gedacht, wir würden hier nur Quatsch machen.

Ein berühmtberüchtigter Kritiker namens „El Rubio“ nannte eure Musik damals „Abschaumcity“. War das ein Kompliment oder eine Kriegserklärung? Die Meinungen gehen da unter Kennern stark auseinander!

King Kassler: Ich glaube, Hendrik fand unsere Musik wirklich schlecht. Ist mir aber egal, meiner Mutter hat es gefallen, das ist alles, was zählt.

Curry König: Sind eh alles Fotzen außer Mutti. Von daher gebe ich dem Kassler Recht. Die Kritiker sind aber in den meisten Fällen Heuchler. El Rubio war immer der Erste in der Schlange, wenn wir uns in der örtlichen Wurstbude Pommes Spezial mit extra Currywurst bestellt haben. Ich glaube, er wohnt ja mittlerweile auch in Berlin, da muß man sowas sagen und seinen Fleischkonsum verneinen. Man darf es sich ja nicht mit der örtlichen Hipster-Körnerfresser-Gestapo verscherzen…

Der Satanismus als solcher spielt in euren Stücken auch immer wieder eine Rolle. Ich erinnere nur an die Textpassage „Infernalisches Satanswurstgeschwätz auf links gedreht mit Käse…“ Ist eure Ablehnung des Christentums damit verknüpft, daß Jesus zwar Wasser in Wein, aber nie einen Baum in Chicken Nuggets verwandelt hat? Handelt es sich bei „eurem“ Satanismus um denselben, welchen die „Church of Satan“ vertritt oder distanziert ihr euch davon? Was bedeutet Satan für die Fleischliebhaber unserer Nation?

King Kassler: Was ist denn „Satanismus als solcher“? Wenn es sich um den der Kirche von Satan handelte, wäre es ja nicht mehr unserer, oder? Beleg’ mal ’n Logikkurs!

Curry König: Es gibt auf jeden Fall geheimes Bildmaterial von LaVey und Boyd Rice. Auf diesen Bildern tragen sie nichts am Leibe außer blutbefleckten Schweinemasken und grillen Okapihoden in Honigmarinade. Wenn das der von der C.O.S. eingeschlagene Kurs ist, so bin ich voll und ganz dafür! Aber King Kassler hat schon recht, so leicht ist unsere Definition der Teufelsverehrung nicht in Worte zu fassen…

King Kassler: Das Tier schlachten, die Wurst ziehen, den Metzger bezahlen: Die führende Hand ist dieselbe. Die Ringfleischwurst, ähnlich der Schlange, die sich selbst verschlingt. Ich gebe zu, die Christenvernichterterminologie gab uns was an die Hand, womit wir unsere Abscheu all jenen gegenüber ausdrücken konnten, die die Wurst mißachteten (fahrt zur Hölle!). Tiefe theologische Gedanken standen, zu diesem Zeitpunkt, nicht dahinter. Wir wollten etwas reines, unverdorbenes, das keines Vermittlers bedurfte. Und natürlich anderen Leuten mit unserem Krach auf den Sack gehen, hehe. Aber ja mehr man Leuten ins Gesicht schreit, desto mehr wollen sie hören. Hegel hat, glaub’ ich, was dazu gesagt; natürlich nicht direkt, sonst wäre er ja ein schlechter Philosoph gewesen.

Curry König: Die Ringfleischwurst könnte tatsächlich den Ouroboros symbolisieren. Ein uraltes Symbol der Ewigkeit, welches mit den Katarern, der nordischen Midgardschlange und diversen tantrischen Ritualen in Verbindung steht. Man könnte quasi sagen, daß so ein zu gleichen Teilen wohlgeformter Ring einen der Grundpfeiler der Esoterik und des Okkulten symbolisiert. Werden und Vergehen (Zitat: Oswald Metzger!) in Einem könnte man durchaus sagen. Ein ewiger Kreislauf von Völlerei und Durchfall. Dieses ikonographische Symbol soll ja auch auf Tutanchamuns Grab abgebildet gewesen sein. Und wenn der alte Penner einen Ring Fleischwurst zu würdigen wusste, wer sind wir dann, solch ein wichtiges hermetisch-fleischiges Symbol zu verschmähen?

King Kassler: Zum Thema C.O.S.: Ayn Rand trifft Satan. Amerikanische Libertäre mit der Tendenz zum Eklektizismus, wenn du mich fragst.

Babacan, der Börek-Babo, ergründet die okkulten Rätsel im Tempel des Suleyman Sucuk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittlerweile steht ja überall „Bio“ drauf. Man könnte fast den Eindruck bekommen, daß mittlerweile jeder Schreibwarenladen ein „Bio-Regal“ hat. Könnte sich dieser Trend auch negativ auf den Fleischverzehr als solchen auswirken? Und ist es für dich wichtig, ob das Schwein vor dem Verzehr glücklich auf dem Bauernhof grunzen durfte oder bist du der Auffassung, daß die Haltung der Tiere egal ist, solange das produzierte Fleisch nur ausreichend lecker ist?

King Kassler: Besteht zwischen einem Bio-Tier (was für eine Tautologie!) und der hormongemästeten Massenware ein struktureller Unterschied? Ich denke nicht! Noch mal: Wir sind keine Konsumkritiker und haben auch nicht den Welthungerhilfe-Rundbrief abonniert.

Curry König: Schwer zu sagen. Aus meiner Erfahrung als Betreiber eines Schlachthauses kann ich aber sagen, daß diverse Tierarten ein bekömmlicheres Fleisch liefern, wenn sie vorher übelste Todesqualen leiden. Also ein zweischneidiges Schwert. Ich befürworte aber jegliche Befreiung von Labortieren! Tiere sollten gegessen und nicht gegen ihren Willen mit Schminke angemalt werden…barbarisch! Wenn jedoch der örtliche Silberrücken Gorilla Lust hat, ein wenig Lipgloss aufgetragen zu bekommen, so wäre das für mich auch in Ordnung. Solange das seinen Geschmack nicht beeinträchtigt, versteht sich.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß es irgendwann mal einen Longplayer von euch geben wird? Evtl. mit neuen Sachen? Und wenn schon nichts Neues kommt, gedenkt ihr dann, eure gesammelten Werke einem breiten Publikum in Form einer Best-Of zur Verfügung zu stellen?

King Kassler: Es wird eine Pest-Of geben – mit neuer Musik und neuen Texten. Heil uns!

Curry König: Heil uns!

Stell dir mal vor, du kommst zu einem gediegenen Grillabend und du siehst, wie Freunde des Gastgebers Tofuwürstchen und ähnlichen Abfall neben deine Bratwürste und Bauchfleischstreifen legen. Deine Reaktion wäre genau so radikal wie verständlich, oder?

King Kassler: Ich würde vermutlich die Gesichter dieser Elemente mit Brachialgewalt auf das Grillgitter klatschen, auf daß sie fortan Brandnarben als Mal der Schande mit sich tragen. Unsere Schöpfer vom Planeten Sirius nannten dies „in das glühende Auge Botuli blicken“. Und wahrlich, zornig blickt er auf die, die meinen, ihn um das zu betrügen, was seins ist. Der Wurstgott lässt sich nicht auf den Arm nehmen und wir auch nicht.

Curry König: Mit ʹner scharf gewürzten Salami wegfisten. Bei sowas kenne ich kein Pardon!

Kann es ein Leben nach dem Wurstschranz geben?

King Kassler: Es gibt sicher ein Leben nach dem Schranz, vielleicht auch nach dem Tod aber nicht nach der Wurst. Ave Botulus Majestas.

Curry König: Das sehe ich ähnlich. Aber man kann die Wurst ja nicht mit ins Grab nehmen. Dennoch ist es umso wichtiger, sich des Fleisches zu erfreuen, solange der eigene Verdauungstrakt noch intakt und gut drauf ist.

Da unser Interview nun zu Ende ist dürft ihr eure letzten Worte an die Frischfleischfanatiker dieser Welt richten! Laßt es euch schmecken, Jungs!

King Kassler: Ich muß sagen, daß du zuweilen den nötigen Ernst in der Sache hast vermissen lassen. So, jetzt wird Essen gemacht; das Hackfleisch ist aufgetaut…Wurst Heil!

Ein Haufen Wurst. Noch Fragen?!

https://myspace.com/wuschranz/music/songs

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