Nostalgie: Kassetten aufnehmen im Jahr 2014 (gilt aber auch drei Jahre danach)

„Ich könnte eigentlich mal wieder eine Kassette aufnehmen“, denke ich.

„Warum machst du dir denn solche unnötige Arbeit, du Kunde?! Kauf’ dir endlich ein MP3-Gerät.“„Pfft, ich bin Ostdeutscher, ich darf das“. Sprach’s und werfe einen Blich auf meine BM Alben auf Tape, die irgendwelche Ostblockleute seit Mitte der Neunziger in Lizenz herausbrachten, damit sich die Leute dort das auch leisten konnten.

Die Reihe von manchmal nervtötenden Problemchen, die im Umgang mit diesem Artefakt des Medienzeitalters, das nur noch Nostalgiewert für Dinosaurier hat, scheinen vor dem geistigen Auge auf. Batterien, die während der Aufnahme zur Neige gehen, Bandsalat, den man, falls es überhaupt möglich ist, mit dem Kugelschreiber – Bleistifte sind bekanntlich zu dünn – wieder aufrollen muß, CDs, die nach viereinhalb von fünf aufgenommenen Minuten zu springen anfangen…

Ja, genau, so was meine ich.

Was ist also der Vorteil, den ich davon habe, ein Tape zu machen? Zunächst mal, daß ich mich wenigstens hinterher an das erinnern kann, was ich gerade gehört habe. Wer einmal das Zehn-Gänge-Menü einer gebrannten CD mit MP3 Dateien durchgegangen ist, hat vielleicht was geschafft; aber er ist auch geschafft. Und er kann mir nicht erzählen, daß er noch wüsste, wie das dritte Lied des zweiten Albums im dritten Ordner heißt. Geschweige denn, worum sich die Texte drehen.

Wenn ich meine Sammlung durchhöre, durchschweife ich meine Erinnerungen und durchlebe erneut die Momente, die mit den Stücken verbunden sind. Eine Kassette aufzunehmen, bedeutet etwas völlig anderes, als sich per Mausklick eine Datei auf einen Datenträger zu laden, es ist Arbeit. Das letzte Lied darf nicht zu lang sein (aber auch nicht zu kurz), es muß atmosphärisch passen, keine Band soll möglichst zweimal vertreten sein, undundund. Dadurch, daß eine Aufnahme Arbeit darstellt, dadurch, daß ich es bearbeite, hört es auf, ein bloßes Fabrikat zu sein, wenn man so will. „Ich habe dir ein Tape aufgenommen“, so was erfährt im Gegensatz zu einer schäbigen zerkratzten Drecks-MP3 Wertschätzung.

Und da ist nicht zuletzt die Vorfreude darauf, durch die Gegend mit dem Walkman (ja, genau) zu streifen, während die Musik der Landschaft neue Farben hinzufügt oder bereits vorhandene Aspekte verstärkt. Ich weiß, seinen Privatpantheismus nimmt man nicht mit vor die Tür. Besonders nicht zum Spazieren, Wandern oder Gehen.

Also, die CDs aus dem Schrank geholt und losgelegt. Kurz überlegt, welches Fach der Bandsalatproduzent ist. Das Problem hatte ich letztens bei einem Kumpel, dessen Kassettendeck die wundersame Eigenschaft besitzt, fremde Bänder zu fressen.

Allerdings fängt alles gut an, die CD überspielt tadellos. Tatsächlich springt sie nur ein einziges Mal, aber erst bei Minute sechs des achtminütigen Black Metal Epos. Also noch mal von vorne; da die Spulfunktion meines Decks aus mir unerfindlichen Gründen im Eimer ist, muß ich die Kassette mit dem Kuli an die entsprechende Stelle zurückdrehen. So lernt man seine Sachen natürlich auch auswendig. Nach dem dritten Mal klappt es dann und es geht ohne Probleme weiter. Als ich die nächste Seite aufnehmen will, zeigt mir der CD-Spieler an, daß die Batterien schon bedrohlich leer sind. Ich fahre trotzdem fort mit der Aufnahme, bis sie nach 38 Minuten den Geist endgültig aufgeben – gemäß des Wahrscheinlichkeitsprinzips natürlich mitten in einem Lied. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, daß es schon nach Neun ist und ich somit den Weg an die Tankstelle werde antreten  müssen, um X,99€ für ein paar Billigbatterien hinzulegen. Was soll’s, ohne funktioniert halt auch der Walkman nicht, und das ist doch das Spannendste, nicht wahr? Den Straßenlärm durch den eigenen Lärm im Ohr zu konterkarieren, während sich die Passanten über die eigene grimmig-freudige Visage wundern, als einem gerade Anaal Nathrakh durch den Gehörgang dröhnt. Persönlich mache ich dies nur noch auf dem Weg zwischen Wohnung und Wald; im Gehölz selbst stört mich die Demo von „Gehölz“ nur noch.

Weiter im Text. Neue Batterien eingelegt, vorher natürlich die Kassette wieder an den Anfang des letzten Songs gedreht. Mittlerweile sind zweieinhalb Stunden vergangen, um ein 90-Minuten-Tape zu machen. Gut Ding will eben Weile haben. „Und deine Bücher lesen sich nicht von alleine, Herr Achim.“ Mit einem mentalen Roundhousekick wird der NVA-Soldat in mir flachgelegt und wieder in seinen Synapsenkäfig gesteckt. Nach einer weiteren halben Stunde ist es endlich vollbracht. Als ich die Aufnahme abspiele, merke ich, daß alles ein wenig (Achtung, Euphemismus) übersteuert klingt, da ich den Lautstärkeregler am CD-Spieler zu hoch aufgedreht habe. „Na ja“, denke ich, „macht nichts, ist ja schließlich BM“ (Achtung, Euphemismus zum zweiten). Was habe ich nochmal über Freude gesagt?

An dieser Stelle eine Aufforderung an all die anderen Ohrstöpselträger: Wenn ihr euch morgens um sieben in Bus und Bahn mit Musik vollstopfen müßt, tut es wenigstens auf eine Weise, die der Rest der Welt nicht mitbekommt. Das ist asozial, prollig und aufdringlich, so, als nähmet ihr den Raum direkt neben eurem Nachbarn in Beschlag und würdet ihm euren Salamibrotatem vom Frühstück direkt ins Gesicht hauchen. Ernsthaft, laßt den Quatsch.

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