Mosaic – Old Man’s Wyntar

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Ich bekomme eine CD zwecks Besprechung geschenkt, in deren Beiheft empfohlen wird, diese nur in totaler Dunkelheit oder im Winter (oder in beidem) zu hören. Gut, ersteres muß mir jedenfalls keiner erklären; wer hört sich BM am Tag, noch dazu bei dieser Bullenhitze an – außer Leute, die für uns Konzertberichte schreiben? Nun will ich aber auch nicht warten, bis es wieder Winter ist und richtig kalt wird es hier in meiner Heimat ohnehin nicht. Die Jahre 2010 und 2011 waren da absolute Ausnahmen. Ich sollte wohl anmerken, daß die Aufnahmen für vorliegendes Album im November letzten Jahres begannen und sich den ganzen Winter hindurch zogen, daher die Veröffentlichung zum jahreszeitlich unpassenden Zeitpunkt. Jedoch ist vor dem Winter nach dem Winter, wie uns eine Adelsfamilie aus einem bekannten phantastischen Epos wissen lässt.

Der Winter ist eines der ewigen künstlerischen Themen. Das „Wie“ ist somit die Kunst an der Sache. Nun gibt es reichlich Gruppen im BM und anderswo, die sich diesem Thema aufs ausführlichste gewidmet haben – An dieser Stelle sei Schuberts „Winterreise“ von 1821 empfohlen.

Ist es der Band also gelungen, dem „Gehalt“ des Winters musikalisch und textlich Ausdruck zu verleihen? Es gibt bekanntlich Kapellen, deren Musik jahreszeitlich überaus gebunden ist und ihre Wirkung zu entsprechendem Klima am besten entfaltet. Paysage D’Hiver ist solch ein Fall, ein weiterer die weniger bekannte Truppe Interitus. Vielleicht ist es bei diesem Album anders, was ein zusätzliches Plus wäre.

Die Eigenbeschreibung des Duos aus Thüringen enthält das Wort „Experimental“. Wohl sind mir Mosaics andere Veröffentlichungen unbekannt, jedoch ist mein Eindruck eher der, daß man hier weniger etwas neu denn richtig machen will, da die Wahl der Stilmittel recht traditionell ausgefallen ist. Allein die Sprechstimme IKs fällt ob ihres Timbres etwas aus dem Rahmen des überkommenen BM. Er ruft, schreit, spricht mit zitternder Stimme seine Worte in die winterliche Klanglandschaft.

„Old Man’s Wyntar“ teilt sich in zwei Abschnitte auf, die einen Bogen von der Ankündigung des Winters im Einklang „Incipit: Geherre“, über den Einbruch der Kälte in „Onset of Wyntar“ hin zu seiner gewalttätigen Inbesitznahme der Welt auf „White Gloom“ schlagen, um mit dem ambienten Ausklang „Black Glimmer“ den Kreis zu schließen.

Die Stücke „Onset of Wyntar“ und „White Gloom“ besitzen deutliche Überlänge und werden jeweils von genanntem Intro und Outro sowie den Zwischenspielen „Im Winter“ sowie „Snowscape“ eingerahmt. In ihnen herrscht das Bild vom Winter als Bringer des Kältetodes vor, der allem Leben gebietet, sich in sich selbst und die Erde zurückzuziehen. Bei den vier anderen Songs stehen die zeitlosen Augenblicke der Ruhe vor und nach dem Sturm im Mittelpunkt, zerbrechliche Momentaufnahmen der Landschaft; fragil deswegen, weil wir diese Bilder realiter nicht betreten können, ohne sie zu zerstören. Was vielleicht ein Grund sein könnte, warum dieses Album existiert. Oder warum einer überhaupt Kunst erschafft.

Textlich zeigen Mosaic sich unter anderem von Georg Trakl inspiriert, was heißt, daß die beschworenen Bilder des Winters, obgleich subtile, so doch wiederkehrende Metaphern des Todes sind. Neben dem austriakischen Dichter erscheint der mythische Gott des Nordwindes, Boreas, welcher das alte Hellas im Winter aufsuchte, als ein weiteres mehrfach auftauchendes Motiv. Hier zeigt sich wieder IKs Zuneigung für die griechische Mythenlandschaft, wie auch der Besprechung zu Alchemyst zu entnehmen ist.

Von dem genannten Trakl haben Mosaic auch das Gedicht „im Winter“ vertont. Meiner Meinung nach ist dieses Experiment nicht gelungen, denn obgleich IK wie gesagt über ein markantes Sprechorgan verfügt, schafft es die Band hier nicht, die Zeilen in den Klangteppich einzufügen, ohne die Metrik des Gedichtes zu zerschießen. Die Musik selbst ist zu rhythmuszentriert, so daß hier Lyrik und Musik disparat nebeneinander stehen, anstatt miteinander verwirkt zu sein. Das Projekt Trist hat auf „Tiefenrausch“ vorgemacht, wie diese beiden Räume, der lyrische und der musikalische, zusammengehen können.

Nach diesem Durchhänger aber zeigt das folgende „Snowscape“ einmal mehr, daß im Black Metal weniger mehr ist und mit welch’ einfachen Mitteln er in der Lage ist, Atmosphären heraufzubeschwören. Eine einfache Melodie auf der Akustikgitarre, darüber ein hauchdünnes Lead, untermalt vom Pfeifen des Boreas, das genügt. Allein, IKs Worte weisen auf die Ambivalenz der Schönheit des Bildes hin; „Snowscape“ endet mit abrupter Stille, die durch das folgende „White Gloom“ gewaltsam zerrissen wird.
Der letzte Song „Black Glimmer“ beginnt rhythmisch, akzentuiert von IKs Sprechgesang, um sich in einen mehrschichtigen Klangteppich auszudifferenzieren, wobei die Gitarre im Hintergrund mich ein wenig an das erinnert, was die Shoegazefraktion fabriziert. Das kann natürlich Zufall sein oder schlicht an ihrer momentanen Überpräsenz liegen, die diese meine Assoziation hervorruft.

„Old Man’s Wyntar“ erscheint zum jahreszeitlich ungünstigsten Zeitpunkt; wichtiger ist natürlich jedoch die Frage, die ich zu Anfang gestellt hatte. Mosaic trotzen dem Weiß keine neue Nuance ab, sondern zeichnen vor seiner hellen Folie mit schwarzen Strichen das allzu bekannte Janusgesicht des Winters. Ein Einwand könnte nun lauten, daß das Ergebnis angesichts der verwendeten Mittel wohl nicht verwundern kann. Allein, eintöniges Grau ist das Dargebotene in keinem Falle. Wie gesagt, nicht neu, aber eben richtig. Vielleicht das, was Burzum machen sollte.

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