Immer der gleiche Scheiß…

Oder: Jährlich grüßt das Murmeltier. Festivals, Konzerte und das selbst auferlegte Rad des ewigen Leidens

Es ist Sommer in Deutschland und wir schreiben das Jahr 2014. Während das Wetter seine Kapriolen schlägt und den geneigten wetterfühligen Bluthochdruckkandidaten an den Rand eines Schlaganfalls treibt (innerhalb von 24 Stunden starke Temperaturgefälle, vom grauen Tag mit 16 Grad und Nieselregen bis zum Tag darauf mit weit über 30 Grad und knackigem Sonnenschein, immer wieder aufgelockert von gewittrigen und verregneten Tagen mit herrlichem Treibhausambiente), und die Fußballweltmeisterschaft mit dem üblichen Public-Viewing-Abschaum, der pünktlich alle zwei Jahre den ihm bereits aberzogenen Patriotismus wiederentdeckt hat, weil es das kleine Fähnchen fürs Auto zum Kasten Pils im örtlichen Getränkemarkt umsonst dabei gibt und den grenzdebilen Autokorsos, wo jeder inzestgezeichnete Halbaffe mal auf die Hupe drücken darf, abnervt, steht die Festival Saison vor der Tür und sie sind wieder alle mit dabei.

Ganz egal, ob WGT, Amphi, Wacken, M’era Luna, Rock am was auch immer, With Full Force, Summer Breeze, die Line Ups sind entweder untereinander erschreckend austauschbar oder kaum von denen der Vorjahre zu unterscheiden.

Man stelle sich jetzt mal einen Festivalbesucher vor seinem geistigen Auge vor. Je nach Festivität entweder den kuttentragenden Headbanger auf dem Wacken oder den rausgeputzten Gothic Spezialisten auf dem Amphi. Der gute Herr ist, sagen wir mal so, Mitte bis Ende 30, besucht in seiner knapp bemessenen Freizeit jedes Jahr mindestens eines dieser Festivals, nicht nur, um sich die Bands anzuschauen, sondern auch, um sich an den Ständen dem Konsumwahnsinn hinzugeben oder mal wieder alte Freunde und Wegbegleiter zu treffen, denen man meistens eh nur ein bis zwei Mal im Jahr an den üblichen Orten über den Weg läuft. Und irgendwann (spätestens bei einem der Headliner) fällt unserem Spezialisten die gerade für sieben T€uro gekaufte Bratwurst halbverdaut aus dem Mundwinkel und man hört ihn erst tief in sich hineingrummeln, wobei das Grummeln sich zu einer amtlichen Schimpfkanonade steigert: „Immer der gleiche Scheiß! Band XY hab’ ich jetzt schon gefühlte hundertmal gesehen. Alles Scheiß Kommerzkacke hier! Die Bratwurst schmeckt auch nicht so geil wie 1998. Dieses Jahr war das letzte Mal für mich, echt jetzt! Für den Mist hab ich jetzt 70€ ausgeben??? WORST! FESTIVAL! EVER!!!“

Wessen Schuld ist es denn jetzt? Die der Veranstalter? Der Bands? Der Booker? Der etablierten Szenemedien? Tante Käthes Bratwurst Catering, welches versucht, in Zeiten der Wirtschaftskrise, mit seinem schmierigen Schweinefleischdildo zwischen zwei pappigen Brötchenhälften, sich über Wasser zu halten? Alle sind Schuld und wir erst recht! Aber dazu am Ende mehr. Wagen wir erstmal einen kurzen Szenenwechsel:

Wir befinden uns in im autonomen Jugendzentrum/Kneipe mit alternativer Ausrichtung eurer Wahl. (aber alternativ muß es ein – Herr Achim) Ihr könnt euch hier jetzt einfach mal euren örtlichen Laden vorstellen, wo ab und zu mal Metal, Punk und Gruftie Kapellen auftreten. Der Hauptact an diesem Abend ist eine mittelgroße Szeneband, nicht gerade Slayer, aber auch nicht DJ Bernd mit seinem patentierten MP3 Set für den gediegenen Sparclubabend des örtlichen Kegelvereins. So ein Mittelding halt, gute Musik, bekanntermaßen eine starke Bühnenshow, mit viel Herzblut dabei und die üblichen Presseorgane sind sich einig, daß es sich hier um einen authentischen Vertreter seiner Zunft handelt. Zusätzlich spielen auch noch zwei regionale Nachwuchsbands.

Wir haben Freitagabend und der Blick auf das Publikum ist mehr als ernüchternd. 75 Gäste haben sich in den Laden verirrt und der Veranstalter knüpft sich gerade ein gemütliches Seil zum „abhängen“ und rückt den Stuhl schon mal zurecht. Der Veranstalter ist ein Musikenthusiast, ebenso lange seiner Musik und seinem Lebensweg ergeben, wie der Festivalbesucher, dem gerade zeitgleich die Bratwurst vor Wut aus der Schnute fällt. Als er die Hauptband für den heutigen Abend gebucht hat, war er noch guter Dinge: „Na ja, wir haben halt Hochsommer, da kommen per se nicht soo viele Leute auf Indoorkonzerte, weil man ja draußen besser grillen kann. Dazu kommt noch, daß mal wieder WM ist und die Leute gerne das Halbfinalspiel heute sehen wollen und außerdem findet an diesem Wochenende ja noch das „Rock gegen Alles“ Festival statt, da muß man halt Abstriche machen.“ Aber er glaubt an die Band und ihre Zugkraft, ist selber großer Fan und veranstaltet einfach ein Konzert, das er selber gerne sehen würde. Macht in der Region außer ihm keiner! Im Laufe des Abends durfte er auch herausfinden, warum.

Der Eintrittspreis wurde Aufgrund der oben genannten Faktoren auf 8€ im Vorverkauf und 10€ an der Abendkasse festgelegt. Herr Veranstalter war so zuversichtlich, mit einer schwarzen Null aus der ganzen Geschichte rauszukommen und evtl. mit etwas Glück sogar noch ein paar Taler Gewinn machen zu dürfen. Der Optimist in ihm sprach: „Das kann doch gar nicht misslingen! Die Band ist geil und tritt zum ersten Mal in der Region auf. Der Veranstaltungsort ist gut zu erreichen und für den Preis von 8€ kann man mit zwei Vorbands doch gar nichts falsch machen. Für die 8€ bzw. 10€ bekommt man auf ʽnem großen Festival noch nicht mal ʽne Bratwurst und ʽne Cola, auch ʽne Kinokarte ist teurer, was kann denn da noch schief gehen? Pflichttermin!“

Dann schlüsseln wir doch mal die Kosten für den heutigen Abend auf:

Die Hauptband sollte eigentlich 500€ kosten. Aufgrund guten Verhandlungsgeschicks konnte die Gage auf 400€ gedrückt werden. Die Vorbands werden mit jeweils 50€ abgespeist, die sind ohnehin froh, mal irgendwo spielen zu dürfen. Die Bands wollen was zu essen und zu trinken? Auweia, also noch mal 100€ für die Verpflegung. Nicht eingerechnet sind die Strapazen beim Einkauf derselben: Sänger von Band A futtert nur Veganes und der Drummer ist Laktoseintolerant. (Deutschland ist ein weltoffenes Land und du wirst diese Laktose genauso behandeln wie alle anderen! – Herr Achim) Auf dem Rider der Band steht, daß Unmengen an frischem Gemüse, Obst und Tee zur Verfügung stehen müssen!

Das wird zwar hinterher nicht gegessen und gammelt solange in den Schalen vor sich hin, bis die Putzfrau den Kram am nächsten Morgen in die Mülltonne kloppt und unser Herr Veranstalter muß am selben Abend, während die Vorband bereits spielt, noch zweimal zur Tankstelle fahren, um diverse Süßigkeiten und Schokoriegel einzukaufen, von denen sich die Band auf Tour anscheinend hauptsächlich ernährt.

Band B fordert eine Flasche teuren Whiskey ein, weil…ja, weil ist halt so…, also nochmal ins Auto gesetzt und losgefahren. So ʽne Flasche kostet ja auch nix an der Tankstelle. Die kennen den entnervten Kunden bereits und packen ihm direkt noch eine zwanziger Packung Snickers mit in die Tüte. Band A passt das Bier nicht, das im Backstage steht (Was habt ihr gegen Hansa, ihr Schwuchteln? – Herr Achim) und fordert den Veranstalter auf, daß sie sofort und umsonst Zugang zur Hausmarke der Location bekommen. Nachdem ihnen mitgeteilt wurde, daß dies nicht gehe, weil’s zu teuer und er nur der Veranstalter sei und nicht der Besitzer des Clubs, entbrennt ein Streit und der Bassist von Band A muß von drei Mitarbeitern der Location randalierend von der Örtlichkeit entfernt werden. Der Rest der Band verlässt geschlossen den Ort des Geschehens und man hört noch Rufe wie „total unprofessionell!“, „bei Veranstalter XY hätte es das nicht gegeben!“, „du geizige Kommerzschlampe!“ und so weiter. Da waren’s nur noch zwei….

Da eine Band jetzt abgesprungen ist, kommt der Veranstalter auf 550€ für Gage und Catering.

Aber, Moment mal! Natürlich mußte beim örtlichen Technikverleih noch diverser Schnickschnack für die Bühnenshow gemietet werden, welcher der Location nicht zur Verfügung steht. Also noch 100 Peitschen drauf. Das macht dann 650€. Ende der Fahnenstange erreicht? Wo denken sie denn hin? Der Club/das Jugendzentrum verzichtet für den Abend zwar auf eine Miete, aber man verlangt zumindest, daß die zwei Security Muskelmänner und die drei (gelangweilt dreinschauenden) Thekenkräfte vom Veranstalter getragen werden. In Ordnung, also noch mal zähneknirschend 150€ draufgelegt. Die Rechnung steigt auf 800 Scheinchen. Jetzt ist aber gut, oder?

Nein, schon mal was von „Promo“ (pff, geh’ mal weg – Herr Achim) gehört? Im Vorfeld mußten natürlich Flugis gestaltet und gedruckt werden, dazu auch noch passende Poster. Der Designer des Flugblatts und des Plakats ist ein Freund des Veranstalters, also macht der seinen Job für freundschaftliche 25€. Das Drucken des ganzen Materials schlägt aber in der angepeilten Auflage mit knapp 150€ zu Buche. Am Ende der langen Liste stehen also saftige 975€. Aber nachdem Band B sich gerade den Whiskey von der Tanke hinter die Binde kippt, können wir da auch einen Riesen draus machen. Und jetzt noch mal alles auf Anfang: Es sind 75 Leute vor der Bühne. Davon standen fünf auf der Gästeliste des Veranstalters, fünf auf der Gästeliste von Band B und fünf Medienvertreter haben eine Presseakkreditierung bekommen. Jetzt nehmen wir mal an, daß die verbliebenen 63 Konzertbesucher ihre Karten an der Abendkasse für 10€ gekauft haben (haben sie aber nicht, mindestens die Hälfte hat im Vorverkauf zugeschlagen), dann bleibt dem Veranstalter nur ein absolut desaströses Minus, ein weiterer Grund, den eben geknüpften Strick zu streicheln…

Nachdem bekannt wurde, daß eine der Bands „ausfällt“ und es nur eine Vorband gibt, werden auch schon Stimmen im Publikum laut, daß man doch für drei Bands Eintritt bezahlt hat und daß man doch lieber zu einem Festival gefahren wäre oder zuhause schön hätte grillen können. Bei solchen Konzerten ist es übrigens auch üblich (im Punk und Metal öfter als z.B. im Gothic), daß mindestens noch mal genau so viele Leute draußen vorm Veranstaltungsort stehen, um zu quatschen, (selbst mitgebrachtes) Bier zu trinken und nicht mal im Entferntesten daran denken würden, Eintritt für eine Band zu zahlen, deren Logo sie auf dem T-Shirt spazieren tragen. Drinnen quält sich gerade die verbliebene Vorband, aufgrund eines harten Whiskeyabsturzes, mehr schlecht als recht durch ihr Set und ein Großteil der Zuschauer entscheidet sich dann doch dazu, erstmal den Ort des Geschehens zu verlassen, um draußen vor der Tür eine zu rauchen oder ein Bierchen zu trinken. Verpasst haben die Leute nichts, denn obwohl Band B jetzt vor acht Leuten spielt, führt man sich wie die absoluten Rockstars und post sich die Seele aus dem Leib, obwohl die Musik nur ein drittklassiger Abklatsch von bereits Bekanntem ist, quasi so, als würde man den Bohneneintopf von vor zwei Tagen noch mal aufwärmen. Schmeckt scheußlich und macht nur im geringen Maße satt. Wenn der Veranstalter nicht schon unter der Backstagedecke baumelte, so würde er sich selbst für diesen Bookingfehltritt ohrfeigen.

Jetzt kommt der Hauptact auf die Bühne. Machen wir es kurz und schmerzlos: Die Band ist gut! Sie wird ihrem Ruf mehr als gerecht und müsste sich vor keinem der großen Namen, welche die Festivals bevölkern, verstecken. Das Set ist mitreißend und strotzt nur so vor Raffinesse, und das Beste ist, man spielt sich den Arsch ab, obwohl nicht einmal 100 Leute vor der Bühne stehen, man merkt, daß die Band hungrig ist und Bock hat, den Leuten Feuer unterm Arsch zu machen. Jedoch ist mittlerweile kaum jemand da, um dieser Tatsache Respekt zu zollen. Und wie sieht dann das Fazit der Leute, die dem Konzert beigewohnt haben, aus, von denen zwar 50% draußen vor der Tür standen, um Tankstellenbier zu trinken, diese jedoch im Nachhinein mit ihrer Meinung eh am lautesten sind?

„Wären wir mal lieber übers Wochenende aufs Festival gefahren“, „War ganz in Ordnung aber 10€ für nur zwei Bands…geht so…“, „Der Sound war eh scheiße und der Veranstalter hatte ohnehin keine Ahnung vom Genre“, „Ich wäre lieber grillen gegangen…“, „Wenn’s nach mir gehen würde dann blablabla“, „Die Location ist total Kommerz geworden, ich durfte nicht mal mein eigenes Bier mit rein nehmen“, „Das ist doch eh totale Scheißmusik, hier, hör dir mal das Demo von meiner Band „Satanic Warheads of Goatslaughter“ an. Auf Zwölf Stück limitiert und immerhin richtig Untergrund. Like das doch direkt auch mal unserer Facebook Seite…“

Tja, so sind wir halt. Übersättigt, zickig und notorisch unzufrieden mit allem. Man sagt ja andauernd, so was wäre typisch Deutsch…ist es aber nicht…es ist typisch Szene. Typisch Mensch des 21. Jahrhunderts. Je mehr bestimmte Gruppen von sich behaupten, sie würden aus idealistischen Gründen auf oben genannte Dekadenzgesten™ verzichten, umso mehr verwandelt sich ebendieser Idealismus in eine ebensolche. Je größer unsere Auswahl an Möglichkeiten ist, unsere Freizeit zu gestalten, umso unzufriedener werden wir mit dem Gesamtangebot, da wird dann sofort jedes Haar in der Suppe zur toten Ratte in der Bouillon.

Ich kann sogar die großen Veranstalter verstehen, warum sie lieber dreimal im Jahr denselben Headliner in derselben Location veranstalten. Es handelt sich dabei meistens um Unternehmen, die im Laufe der Jahre ihre Passion zu einem Beruf gemacht und viele Mäuler zu stopfen haben. Irgendwann tauschen diese dann die Lust an der Innovation und die Freude daran, am Puls der Szene zu bleiben, gegen die finanzielle Sicherheit ein. Die Idealisten aus den 80ern und 90ern sind zu Dienstleistern verkommen. Und für Dienstleister hat der Kunde König zu sein. Fällt euch was auf?

Natürlich gibt es immer noch Veranstalter, die den Spagat zwischen kommerziellem Erfolg und Herzblut meistern, aber es werden weniger, je mehr Geld mittelmäßige, aber durch die Medien gepushte Retortencombos einbringen. Ein Kampf gegen Windmühlen, den kaum jemand auf sich nehmen will, der Frau und Kinder zu ernähren hat, geschweige denn seine 20 Mitarbeiter mit einem ebensolchen Rattenschwanz an Angehörigen. Wir haben halt nicht mehr 1986. Und wir haben auch nicht mehr 1994.

Und daß wir alle irgendwie schuld sind, liegt auf der Hand. Also, wenn ihr euch das nächste Mal via Facebook, in Foren oder im Freundeskreis darüber lauthals beschwert, wie gleichförmig, langweilig und BWL-mäßig die Konzertlandschaft geworden ist, dann packt euch an die eigene Nase. Geht nächstes Jahr nicht zu dem Festival, über das ihr euch schon in den Vorjahren aufgeregt habt. Laßt das Hochglanzmagazin im Regal stehen, anstatt euch darüber zu beschweren, daß diese Zeitschriften Scheiße zu Gold hochjubeln. Kauft keine CDs mehr von satten, sich ewig wiederholenden Bands, mit denen ihr zwar aufgewachsen seid, aber die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Wenn euch im Kino die 2345. Fortsetzung eines Michael Bay Films (passt jetzt nicht hier rein aber ich hab ’n Brass auf Michael Bay…) auf den Sack geht, dann GEHT…NICHT…REIN!

Es gibt genug Alternativen, in jedem Bereich. Wer den Euro im Geldbeutel hat, der hat auch die Macht, etwas zu verändern, oder glaubt ihr wirklich noch, es geht bei all dem um irgendwas anderes?

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