Darkspace – Dark Space III I

 

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Man schrieb das Jahr 13,81 ± 0,040002014 Mrd. nach Weltraumzeit und nach unendlich scheinenden sechs Jahren seit ± 13.814.0002.008 erschienen die Black Metal Aliens Zorgh, Wroth und Zharaal alias Darkspace mit ihrem neuesten Logbucheintrag.

Dieser trägt den Titel „Dark Space III I“ und beginnt mit dem Kapitel „Dark 4.18“.
Zu hören ist ein zunächst leiser, jedoch immer stärker anschwellender Einklang, welcher klingt wie das Feuern von Lasergeschossen in einer Raumschlacht. Hierüber legen sich sodann die seit Anbeginn der Kapelle typische melodische Leadgitarre sowie die maschinengleiche Rhythmusfraktion. Es folgt ein ausgedehnter Moment der Stille, welcher jedoch abrupt von einer urknallgleichen Gitarren- und Schlagzeugeruption zerrissen wird, die sich tempomäßig nahe an der Lichtmauer bewegt. Der Wechsel zwischen Ausbruch und Innehalten bestimmt denn auch das Stück bis zum Übergang in den nächsten Abschnitt. „Dark 4.18“ endet so langsam, wie es schnell begonnen hat; schier endlos klingen die Gitarren aus. Doch was bei anderen Gruppen entweder einfallslos oder gezwungen böse wirkt, ist bei Darkspace ein Stilmittel, das die schwer erträgliche Unendlichkeit des Weltraums rüberzubringen vermag.

Es folgt die Überleitung zum Mittelteil des Albums, „Dark 4.19“. Zu Anfang herrscht eine bedrohliche Ruhe, die durchwoben wird von andersweltlichen Ambientklängen. Aus dem astralen Klangnebel ist das Atmen eines einzelnen Menschen zu vernehmen und die Einsamkeit in der Leere des Alls wird hier sehr greifbar, bis erneut der hämmernde Puls der Gitarren einsetzt. Auf Höchstgeschwindigkeiten wird in diesem Abschnitt verzichtet, es dominieren Doublebass und die Momente des Innehaltens, was „Dark 4.19“ vom vorhergehenden wie auch nachfolgenden Stück „Dark 4.20“ unterscheidet.

Dieses Monstrum erdrückt den Hörer beinahe durch seine klangliche Gewalt wie die Fliehkräfte bei einem Shuttlestart und ähnelt im Aufbau mit seinem brachialen Beginn und langsamen Ausklang dem ersten Teil. Am „Ende“ der Reise ist ein Sprachausschnitt aus dem Film „2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ zu hören:

„I found a hatch….I’ve got the airlock display panel here…there’s no light, no power…we’re going in…”

Dann brechen der Kontakt sowie das Album nach exakt 64.22 Minuten unvermittelt ab…

„Dark Space III I“ knüpft rein musikalisch an das 2012 – wohl nicht ganz zufällig – neu aufgenommene Demo an, dessen Rhythmuszentriertheit auf den Nachfolgern nicht in gleichem Maße weiterverfolgt wurde, die eher die Skandinavischen Wurzeln der Band betonten. Daß das maschinenrhythmische Element auf „DS III I“ verstärkt hervortritt, drückt sich daher nicht nur durch den bekannten Einsatz des Schlagwerkkomputers, sondern vermehrt auch im Gitarrenspiel aus. Beides formt in seiner Gesamtheit einen schwarzen Strahl pulsierender Energie, und zwar so fokussiert wie auf keinem Album zuvor. Weiter gibt es, wie auf dem Werk „Dark Space II“, lediglich drei Stücke zu hören, welche aber allesamt jenseits der fünfzehn Minuten dauern. Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Zweitwerk ist, wie die ambienten Klänge die einzelnen Abschnitte miteinander verzahnen und so ein sehr durchstrukturiertes Album formen, das die oben beschriebenen Elemente konsequent verfolgt, ausbaut und variiert.

Trotz dieses vergleichsweise einfachen Aufbaus ist es sehr leicht, sich in dem Weltraumepos zu verlieren. Es gibt nichts, woran man sich halten könnte, die zeitliche (Über)dehnung der Stücke verkörpert die Haltlosigkeit des Weltalls selbst, ohne Oben, ohne Unten. Die einzige Hilfestellung gibt hierbei die Nummerierung der Abschnitte, die sich als durch und durch artifiziell erweist, so jedenfalls der persönliche Eindruck des Hörers, der keinen Punkt festmachen kann, welcher die Einteilung rechtfertigt. Dies liegt sicherlich zum einen am Kompositions- und Aufnahmeprozeß, zum anderen an dem Gehalt der Vision selbst, die ja das Unendliche ist.

Dabei überrascht gleichzeitig die Kurzweiligkeit des Albums. Die Unendlichkeit in einer Stunde Spielzeit wie einen Augenblick wirken zu lassen, beweist, daß Zeit für Darkspace relativ ist und sechs Jahre keine Ewigkeit; so wurde „Dark Space III I“ nicht weniger als  dreimal neu aufgenommen, bis die drei Musiker zufrieden mit dem Ergebnis waren.

Auch findet sich wieder mehr Ambient auf dem aktuellen Album als auf seinem Vorgänger, welcher gewissermaßen als musikalische Hintergrundbemalung wirkt, als Ton gewordene Stille des Raums, die immer wieder vom Gitarren- und Blastbeatgewitter zerissen wird, so als durchbräche ein Raumschiff gerade die Lichtmauer. Das heißt jedoch nicht, daß beide Klangschichten nur neben- und aneinander existieren, elektronische und Gitarrenklänge kollidieren und verschmelzen wie zwei aufeinanderprallende Galaxien.

Wie immer enthalten Darkspace das lyrische Gerüst dem Hörer vor, welches bei der Konstruktion ihrer Vision vom großen Nichts des Kosmos dienlich gewesen ist. Angesichts des Themas verständlich, wobei ich mich stets frage, wozu dann überhaupt eine Veröffentlichung des Materials in Betracht gezogen wird. Eine Möglichkeit könnte sein, daß es sich, wie bei den Nummerierungen, um Hilfestellungen handelt, die den Ausdruck dessen, was sich per Definitionem eines solchen entzieht, überhaupt erst möglich machen.

Nachdem ich die Scheibe seit ihrem Erscheinen X-mal durchgehört habe, muß ich zwar grundsätzlich sagen, daß mir das neue Album nicht ganz so gut gefällt wie seinerzeit „Dark Space III“, was rein subjektive Gründe hat. Die Kombination unverzerrter Gitarren sowie melodischer Leads machten mir Darkspace auf diesem Album sehr viel zugänglicher. Diese Eingängigkeit fehlt auf dem aktuellen Werk; die Melodien sind nach wie vor vorhanden, jedoch geht ihnen die beinahe melancholische Qualität, die sie auf „ DS III“ besaßen, vollkommen ab.

Auf „Dark Space III I“ strebt alles einem Punkt zu und beschwört so das Bild eines durchs All rasenden Kometen herauf, gleich dem Monolithen in Kubricks „2001“ ist „Dark Space III I“ nichts als undurchdringliche Schwärze, kalt und abweisend. An der seelenzermürbenden Leere des Kosmos ist nichts Romantisches und Darkspace hat es vermocht, die Kälte des Raumes selbst auf dem neuen Werk einzufangen, ja, sie ist von dieser durchdrungen und nicht nur ein „beiläufiges“ Ergebnis der Produktion. So hat die Band sich mit dem aktuellen Werk ein weiteres Stück von der Erde weg und in das All hinaus bewegt.

Alle (wirklich alle) Rechte an der Konzertaufnahme liegen bei Sylvan Clapot.

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