Anaal Nathrakh – Desideratum

Seit Erscheinen des Werkes „Eschaton“ bin ich bekennender Anhänger der englischen Krachmacher. Mich beeindruckte und beeindruckt die Fähigkeit der Band, Melodie, Wahnsinn und Brachialität derart zu vermengen, daß es weder eintönig noch aneinandergeklatscht klingt.

Das neue Album trägt den Namen „Desideratum“ und orientiert sich musikalisch, wie seine Vorgänger, stark an „In The Constellation Of The Black Widow“. Neu, und auch nicht neu, ist der Einsatz technoider Elektronika, die den psychotischen Lärm der Briten noch einen Tick psychotischer machen (sollen). Waren diese bereits vereinzelt auf dem Vorgänger „Vanitas“ vertreten, nehmen sie diesmal eine prominentere Rolle ein.

Das Cover ziert die Darstellung einer Sonnenscheibe, die mich ein wenig an die Platine auf der im Weltall treibenden Sonde „Voyager“, die Informationen über unsere Spezies enthält, erinnert. Bei Anaal Nathrakh wirkt der Kosmos jedoch eher wie eine Drohung; das gleichgültige All zeigt in jeder Hinsicht mit dem Daumen nach unten, denn Entropie scheint in ihm das einzig universell gültige zu sein.

Ein Desiderat bezeichnet gemeinhin etwas Gewünschtes, aber bisher Fehlendes. Was bedeutet dies im Zusammenhang der Botschaft der Band, die von Gewalttätigkeit, Anomie und der Nichtigkeit des Menschen kündigt. Was ist das zu Wünschende, Fehlende?

Wie immer gibt es keine abgedruckten Texte zu lesen, welche diese Frage erhellen könnten. Die lyrische Botschaft wird lediglich durch Zitate und kryptische Aussagen im Beiheft sowie natürlich die Songtitel selbst vermittelt. Diese weisen allesamt auf die oben genannten bandtypischen Themen.

Die Scheibe beginnt mit dem psychopathischen Lärm („Acheronta Movebimus“), den man von fast allen AN Alben kennt, um dem Hörer mit „Unleash“, einer ebenso typischen Eröffnung, die Haartracht zu versengen. Sofern man denn eine solche vorweisen kann. Dieses Muster setzt sich mit den darauffolgenden Tracks „Monstrum in Animo“, „The One Thing Needful“ sowie „A Firm Foundation Of Unyielding Despair“ weiter fort. Auf das Sperrfeuer aus Blastbeats und melodischen Tremoloriffs folgen entweder gebrüllte oder klar gesungene Hooks.

Beim letztgenannten Stück angekommen, frage ich mich bereits, ob Songschreiber Mick Kenney das ganze bis zum Ende der Scheibe weiterzutreiben gedenkt. Zu formelhaft kommt das erste Drittel des Albums daher. Das Titelstück bietet da im rechten Moment Abwechslung, welches ein wenig an die Anfangstage der Band erinnert und mit einem großartigen Kehrreim aufwartet. Allerdings besitzt der Klargesang immer noch nicht die Präsenz in der Produktion, die ihm eigentlich mittlerweile zukommen müßte.

Es geht weiter mit „Idol“, dem Stück, das als erstes veröffentlicht worden ist. Eine AN Nummer, die sehr dynamisch daherkommt und eine geile Hook besitzt. Klug ist die Positionierung nach dem Titeltrack, ansonsten wäre „Idol“ nicht so gut zur Geltung gekommen. „Sub Specie Aeterni“ hat einen starken Crust Einschlag, der für Kenneys andere Projekte wie Mistress oder Fuckpig kennzeichnend ist. Hier kommt wieder die oben genannte Stärke von Anaal Nathrakh zur Geltung; sie können offenbar alles verwursten, es klingt nie daneben oder unpassend. Es beweist, Veränderung ohne Verschwuchtelung ist möglich.

Es folgt das melodisch-mitreißende Stück „The Joystream“, das eines meiner Favoriten ist. Nicht, weil es sonderlich heraussticht – es klingt, wie die Hälfte der Stücke auf „Desideratum“, aber von diesen allen ist es zusammen mit „Idol“ am besten gelungen! Der Nachfolger „Rage and Red“ beeindruckt mich dagegen noch am wenigsten, zu oft habe ich nun auf dem Album Stücke nach der Formel Breakdown-Tremolomelodie-Kehrreim-mit-Geballer-unterlegt gehört. Dem Rausschmeißer „Ita Mori“ wohnt durch die Kombination der Gitarrenmelodie mit dem Blast sowie V.I.T.R.I.O.L.s Urschrei etwas Delirisches inne. Läßt man das Intro außer Acht, hört „Desideratum“ so unvermittelt auf, wie es angefangen hat. Wie ein Mittelfinger, der einem aus einem Hochgeschwindigkeitszug entgegengestreckt wird. Man könnte sich glatt fragen, ob die eben gehörte Lärmorgie tatsächlich stattgefunden hat. Wäre da nicht das Fiepen im Ohr…

Ich bin hinsichtlich des Albums zwiegespalten. Angesichts der Ideenfülle, die in „Desideratum“ eingegangen ist, scheint es widersprüchlich, zu sagen, daß diese zuweilen nicht in dem Maße zur Entfaltung kommt, wie auf „In The Constellation…“. Jedoch, wenn die Songstrukturen nicht gerade von den alles dominierenden Blastbeats zerschossen werden, werden sie von Hunts Stimme wie Stacheldraht eingewickelt und regelrecht erstickt, so zum Beispiel auf „Ita Mori“ oder „The Joystream“. Ich weiß, Zuckerbrot und Peitsche gehören zum Markenzeichen der Band seit „When Fire…“; allein, manchmal könnten sie eine gute Melodie einfach eine gute Melodie sein lassen.
Ein weiteres Manko ist die Reduzierung der Songs auf Breakdowngewitter, Techno und Tremoloriffs, die von den Blastbeats zerhackt werden. Dadurch sind die Stücke austauschbarer geworden und ob ein Song hängenbleibt, hängt davon ab, daß sich ein eingängiges Riff in den Gehörgang hakt. Das allein ist aber nur die halbe Miete und so bleibt der Eindruck, daß Anaal Nathrakh ihr Pulver zu schnell verschießen und ihr Potential nicht voll ausschöpfen. Bis auf den Titeltrack sowie „Sub Specie Aeterni“ bietet das Album jedenfalls keine großartigen Überraschungen zu den beiden Vorgängern. Aber ich bin Fan, also feier’ ich das eh ab! Ita Mori, ihr Wichser!

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